Should I stay or should I go?

Soll ich hier bleiben oder lieber wegfliegen?

Würden Sie im Winter hierbleiben, wenn Sie Flügel hätten und auch sonst keine weiteren Verpflichtungen? Oder würden Sie in wärmere Gefilde “flüchten”, wenn es in unseren Breiten kalt wird und die Farbe Grau die Landschaft dominiert?

Viele Vögel stehen im Herbst und im Winter genau vor dieser Entscheidung.

Die kalte Jahreszeit stellt das Leben vor viele Herausforderungen: die Temperaturen sinken, Tageslicht ist Mangelware und Woche für Woche gibt es immer weniger Nahrung zu finden. Wie gehen Tiere mit dieser Situation am besten um? Viele Säugetiere machen es sich gemütlich, verkriechen sich in ihrem Bau oder ihrer Höhle und halten Winterruhe oder Winterschlaf. Amphibien und Reptilien suchen sich ein frostfreies Versteck und warten, bis der Frühling kommt. Auch viele Insekten suchen sich einen geschützten Ort. Im Boden oder in Pflanzen finden sich oft ihre Larven und Eier.

Und was machen Vögel? Die Kälte macht ihnen nicht viel aus, denn ihr Federkleid funktioniert wie eine dicke Daunenjacke und hält sie warm. Für sie kann eher das geringe Nahrungsangebot im Winter ein Problem werden, denn bei niedrigeren Temperaturen steigt der Energiebedarf. So wie der Mensch, müssen die meisten Vogelarten eine gewisse Körpertemperatur aufrechterhalten und dafür brauchen sie energiereiche Nahrung. Manche Arten, etwa der Stieglitz, ernähren sich das ganze Jahr über von Pflanzensamen. Sie finden auch im Winter genug zu fressen. Andere stellen sich um und ernähren sich nur im Winter vegetarisch, wie etwa die Kohlmeise oder der Kleiber. Sie alle bleiben eher in der Nähe ihrer Brutgebiete, deswegen werden sie auch Standvögel genannt.

Vogelzug

Doch nicht jeder Vogel kann diese Strategien nutzen und es steht im Winter nicht genug Nahrung für alle zur Verfügung. Daher nutzen viele ihre beneidenswerte Fähigkeit und fliegen ganz einfach ihrer Nahrung hinterher. Wie weit sie dafür fliegen ist von Art zu Art unterschiedlich. Es gibt manche, die den Landstrich wechseln, etwa von stark verschneiten Berglagen ins Tal oder vom Land in die wärmere Stadt, sie werden als Strichvögel bezeichnet. Ein Beispiel dafür ist die schöne Goldammer.

Manche Vogelarten, vor allem solche, die sich hauptsächlich von Insekten und deren Larven ernähren, müssen allerdings viel größere Distanzen zurücklegen, um ein passendes Winterquartier zu finden – Zugvögel. Bei ihnen unterscheidet man zwischen Kurzstreckenziehern und Langstreckenziehern. Kurzstreckenzieher entfliehen dem Winter in Österreich und machen es sich gerne am Mittelmeer gemütlich, wie etwa die Hausrotschwänze unserer Dörfer und Städte. Langstreckenzieher fliegen sogar bis nach Zentral- oder Südafrika und überqueren dafür die gewaltigen Sandmassen der Sahara, hier gehören die Weißstörche und die Rauchschwalben dazu.

Manchmal zieht auch nur ein Teil der Population in den Süden und der andere bleibt zurück, solche Vögel werden als Teilzieher bezeichnet. Dieses Phänomen lässt sich etwa bei den beliebten Rotkehlchen beobachten.

Wintergäste

Doch was machen Vögel, die in Nordeuropa oder Russland brüten? Für so manche ist Österreich das Afrika Europas und sie kommen als Wintergäste zu uns. Bergfinken etwa sieht man bei uns nur im Winter, am besten kann man sie in der Nähe von Futterhäuschen zu Gesicht bekommen. Hören Sie in ihrem Garten öfter mal ein Rotkehlchen singen? Wenn ja, kann es gut sein, dass Sie den Gesang im Frühling und im Winter in zwei unterschiedlichen Dialekten zu Ohren bekommen. Denn das „österreichische“ Vöglein ist vielleicht weggezogen, dafür verbringt nun ein Rotkehlchen aus Polen den Winter bei Ihnen im Garten! Zu den heimischen Graugänsen am Neusiedler See gesellen sich auch tausende Artgenossen aus dem Norden, der Seewinkel ist für viele das perfekte Winterquartier.

Die Frage, welcher Vogel zu welcher Jahreszeit wohin fliegt, ist also gar nicht so leicht zu beantworten. Die allseits bekannten Amseln etwa haben in jedem Teil von Europa eine andere Strategie: In Nordeuropa sind sie Zugvögel, in Teilen Deutschlands Teilzieher während sie sich in Österreich eher als Standvögel verhalten.

ständige Veränderung..

Das Zugverhalten kann sich im Laufe der Zeit natürlich auch verändern. Mönchsgrasmücken sind in Europa prinzipiell als Kurzstreckenzieher bekannt, die den Winter in südlicheren Gebieten verbringen. Doch seit den 1960er Jahren fliegen einige Mönchsgrasmücken von Süddeutschland nach Großbritannien, also in den Nordwesten statt in den Süden! Die Bedingungen scheinen dort günstig zu sein, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass die britische Bevölkerung traditionell ein großes Herz für Vögel hat und sehr viele Menschen Vogelfutter in ihrem Garten anbieten.

Durch den Klimawandel und viele andere rasante Veränderungen der Umweltbedingungen wird sich das Zugverhalten vieler Vogelarten auch weiterhin verändern. Wer weiß, vielleicht bleiben die Hausrotschwänze bald das ganze Jahr über in Österreich? Auf jeden Fall lassen sich auch im Winter viele Vogelarten in Österreich beobachten. Ausgestattet mit Fernglas und Vogelbuch macht die Vogelbeobachtung – oder das „birding“ auf Englisch – noch mehr Spaß. Und wer gerne mit Experten und Expertinnen unterwegs ist, die einem dazu noch spannende Geschichten erzählen können, kann bei dem „Verein für Naturpädagogik, Neugierde und Umweltbildung“ eine geführte Exkursion buchen. Dann gibt es eine Antwort auf die Frage: „Nanu, was ist das für ein Vogel?“

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